
Camel
Camel ist eine der ältesten noch aktiven Zigarettenmarken der Welt. 1913 brachte die R.J. Reynolds Tobacco Company die erste industriell gemischte Zigarette aus Virginia-, Burley- und Orienttabaken auf den Markt – mit einem Dromedar auf der Packung, das bis heute fast unverändert geblieben ist. In Deutschland ist die Marke seit 1968 vertreten; hergestellt wird sie hier von Japan Tobacco International im Werk Trier.
| Eingeführt | 1913 in Winston-Salem (USA); in Deutschland seit August 1968 |
|---|---|
| Hersteller | Japan Tobacco International (außerhalb der USA); in Deutschland JT International Germany GmbH, Trier. USA: R.J. Reynolds (British American Tobacco) |
| Herkunft | USA |
| Namensgeber | Dromedar „Old Joe“ aus dem Barnum-&-Bailey-Zirkus, fotografiert am 29. September 1913 |
| Produktion in Deutschland | Werk Trier (ehemals Haus Neuerburg), über 50 Milliarden Zigaretten jährlich (Unternehmensangabe) |
| Werbefigur | „Joe Camel“ (USA, 1987–1997), zurückgezogen nach Vorwürfen gezielter Jugendwerbung |
| Sorten in Deutschland | Yellow, Blue, Yellow 100, ohne Filter |
Zur Einordnung: Dieses Markenlexikon dokumentiert Zigarettenmarken neutral als Teil der Konsum- und Wirtschaftsgeschichte. Es enthält keine Bezugsquellen und keine Empfehlung. Rauchen schädigt die Gesundheit – sachliche Informationen dazu stehen unter Gesundheit, Wege aus dem Konsum unter Rauchstopp.
Geschichte: vom Zirkuskamel zur Weltmarke
Die Geschichte von Camel beginnt 1913 in Winston-Salem im US-Bundesstaat North Carolina. Richard Joshua Reynolds, bis dahin mit Kau- und Pfeifentabak erfolgreich, brachte dort eine Mischung aus amerikanischen Virginia- und Burley-Tabaken mit Orienttabak heraus, die als erster industriell gefertigter „American Blend“ gilt. Vorlage für das Packungsmotiv war das Zirkustier „Old Joe“ aus dem Barnum-&-Bailey-Zirkus, das am 29. September 1913 in Winston-Salem fotografiert wurde. Der Zeichner Fred Otto Kleesattel setzte das Foto in die bis heute bekannte Szene mit Palmen und Pyramiden um.
Eingeführt wurde sie mit einer Teaser-Kampagne („The Camels are coming“) und in der damals neuen 20er-Packung statt in 5er- oder 10er-Schachteln. Laut einem Händlerhandbuch des Herstellers entfiel 1923 fast die Hälfte aller in den USA verkauften Zigaretten auf Camel. Ab 1921 warb die Marke mit dem Slogan „I'd walk a mile for a Camel“, in beiden Weltkriegen gehörte sie zur Truppenverpflegung amerikanischer Soldaten. 1966 kam die erste Filtervariante hinzu, in den 1970er und 1980er Jahren folgten „Lights“- und 100-mm-Versionen.
Nach Deutschland kam Camel über das Kölner Traditionsunternehmen Haus Neuerburg, dessen Mehrheit Reynolds 1960 übernommen hatte. Ab August 1968 wurde die Marke hier angeboten, 1969 übernahm Reynolds Haus Neuerburg vollständig. Zur Markteinführung veranstaltete man im September 1969 im Kölner Weidenpescher Park ein Kamelrennen mit Tieren aus dem Besitz des marokkanischen Königs, das rund 18.000 Zuschauer anzog. 1999 verkaufte R.J. Reynolds sein gesamtes internationales Tabakgeschäft an Japan Tobacco; seither gehört Camel außerhalb der USA zu Japan Tobacco International (JTI).
Konzern und Produktion
Die Eigentümerstruktur von Camel ist geteilt. In den USA liegen die Rechte bei der R.J. Reynolds Tobacco Company, deren Muttergesellschaft Reynolds American seit 2017 zu British American Tobacco gehört. Überall sonst – auch in Deutschland – führt Japan Tobacco International (Genf) die Marke; JTI entstand 1999 aus dem Kauf des Reynolds-Auslandsgeschäfts für rund 7,8 Milliarden US-Dollar und ist nach eigenen Angaben in über 130 Märkten aktiv.
Für den deutschen Markt zuständig ist die JT International Germany GmbH mit Sitz in Trier und einer Marktorganisation in Köln. Das Trierer Werk geht auf Haus Neuerburg zurück, das dort 1908 mit der Zigarettenfertigung begann: Es fertigt nach Unternehmensangaben jährlich über 50 Milliarden Zigaretten, von denen rund 80 Prozent exportiert werden, und beliefert damit mehr als 60 Märkte. In Deutschland beschäftigt der Konzern nach eigenen Angaben rund 2.200 Menschen und vertreibt neben Camel unter anderem Winston, Benson & Hedges und American Spirit. Wie jede Zigarette enthält Camel Tabak mit dem Suchtstoff Nikotin; was beim Verbrennen entsteht, ist unter Inhaltsstoffe beschrieben.
Sortiment: die Sorten im Überblick
Das deutsche Camel-Sortiment ist überschaubar und um zwei Farben herum gebaut: die kräftigere gelbe und die mildere blaue Variante, dazu ein Langformat und eine filterlose Version.
| Sorte | Charakter | Status |
|---|---|---|
| Camel Yellow (bis 2019 Camel Filters) | klassische, kräftigere Stammsorte mit Filter | aktiv |
| Camel Blue | mildere Filtervariante, Nachfolgerin der „Lights“ | aktiv |
| Camel Yellow 100 | Yellow im 100-mm-Langformat | aktiv |
| Camel ohne Filter | filterlos im Softpack, die Urform von 1913 | aktiv (Nische) |
| Camel Activate | Zigarette mit Mentholkapsel im Filter | historisch, seit 20. Mai 2020 verboten |
| Camel Essential | Linie ohne Zusatzstoffe | historisch; Zigarette eingestellt, Drehtabak seit Ende 2025 unter American Spirit |
Im Vergleich zu Marlboro oder Pall Mall verzichtet Camel in Deutschland auf eine breite Farbpalette; Varianten wie Turkish Gold, Turkish Silver oder Camel Crush gibt es nur auf dem US-Markt von Reynolds.
Werbung, Design und Sponsoring
Werbehistorisch gehört Camel zu den prägendsten Marken überhaupt. Die Packung mit Dromedar, Palmen und Pyramiden gilt als Designikone; als Reynolds sie 1958 leicht modernisieren wollte und dabei den Schriftzug „Turkish & Domestic Blend“ strich, protestierten die Käufer so heftig, dass man zum alten Entwurf zurückkehrte. Zwischen 1946 und 1952 lief in den USA die Kampagne „More doctors smoke Camels than any other cigarette“, die heute als Lehrbeispiel irreführender Gesundheitswerbung gilt. 1987 folgte in den USA die Comicfigur „Joe Camel“, die bis 1997 lief.
In Deutschland setzte man auf ein anderes Bild: den einsamen Abenteurer, der durch Dschungel oder Savanne marschiert, unter dem Slogan „Ich geh' meilenweit für Camel Filter“. Die Kampagne lief ab Anfang der 1970er Jahre rund zwei Jahrzehnte, 1991 wurde sie durch Zeichentrickspots mit dem Camel-Kamel abgelöst, ab 1996 folgten Spots, die Warnhinweise parodierten. Dazu kam Sponsoring: Die Camel Trophy, ein Offroad-Abenteuerwettbewerb mit Land-Rover-Fahrzeugen, wurde von 1980 bis 2000 ausgetragen, Formel-1-Teams wie Lotus, Benetton, Tyrrell und Williams fuhren zwischen 1987 und 1993 in Camel-Gelb, und im Motorradsport trug 2006 der Weltmeister Valentino Rossi das Logo. Aus der Merchandising-Linie „Camel Boots“ ging die bis heute bestehende Modemarke „camel active“ hervor. Seit den deutschen Tabakwerbeverboten (Presse und Internet 2007, Außenwerbung 2022) sind solche Kampagnen Geschichte; was noch erlaubt ist, steht unter Recht.
Marktstellung in Deutschland
Camel ist in Deutschland eine bekannte, aber keine marktführende Marke. Die ersten drei Plätze belegen laut einer Kantar-Hochrechnung für 2024 Marlboro, Pall Mall und L&M; Camel folgt im Feld der mittelgroßen Marken; aktuelle Marktanteile liegen nur in kostenpflichtigen Statistiken vor und werden hier deshalb nicht beziffert. Handelsdaten aus den Jahren 2008 und 2009 führten Camel Filters unter den 20 meistverkauften Markenzigaretten des Landes.
Für den Hersteller ist die Marke gleichwohl zentral: JTI bezeichnet sich selbst als größten Arbeitgeber der deutschen Tabakindustrie. Die Umbenennung von „Camel Filters“ in „Camel Yellow“ im Sommer 2019 zeigt, wie sehr man die Marke inzwischen über die beiden Farben Gelb und Blau führt; im Handel war ohnehin längst von der „gelben Camel“ die Rede.
Kontroversen und Regulierung
Der größte Skandal der Markengeschichte ist die Joe-Camel-Kampagne. Eine 1991 im Journal of the American Medical Association veröffentlichte Studie zeigte, dass schon Kinder zwischen drei und sechs Jahren die Figur einer Zigarette zuordnen konnten – Sechsjährige fast so sicher wie Mickey Mouse dem Disney-Logo. Anfang der 1990er Jahre klagte die kalifornische Anwältin Janet Mangini wegen gezielter Jugendwerbung, 1997 erhob die US-Handelsaufsicht FTC Beschwerde. Am 10. Juli 1997 zog Reynolds die Figur zurück und zahlte im Mangini-Verfahren 10 Millionen US-Dollar für Präventionsprogramme; das Master Settlement Agreement von 1998 verbot Comicfiguren in der Tabakwerbung dann grundsätzlich, worauf die FTC ihr Verfahren im Januar 1999 einstellte.
Auch die Ärzte-Kampagne der Nachkriegsjahre wird bis heute als Beispiel dafür zitiert, wie die Industrie Gesundheitszweifel zu zerstreuen versuchte: Die zitierten „Umfragen“ stammten von der eigenen Werbeagentur. Die EU-Richtlinie 2001/37/EG untersagte ab dem 30. September 2003 Bezeichnungen wie „light“ oder „mild“, was die Umstellung auf Farbnamen wie Blue erzwang; die Tabakproduktrichtlinie von 2014 brachte 2016 die Bildwarnhinweise und beendete am 20. Mai 2020 den Verkauf von Mentholzigaretten, womit Camel Activate vom Markt verschwand. An den gesundheitlichen Folgen ändert die Marke nichts: Rauchen ist die wichtigste vermeidbare Ursache von Krebs-, Herz-Kreislauf- und Lungenerkrankungen, mehr dazu unter Gesundheit und Rauchstopp.
Woher der Name kommt
Der Name Camel ist kein Zufall, sondern Programm. Um 1913 galten Zigaretten mit türkischem und ägyptischem Tabak als besonders fein; Marken trugen orientalische Namen und Motive. Reynolds wollte mit dem Kamel und der Wüstenszene den Orienttabak-Anteil seiner Mischung betonen und zugleich ein Bild wählen, das jeder sofort erkennt. Dass ein einhöckriges Dromedar und kein zweihöckriges Kamel zu sehen ist, gehört zu den Kuriositäten der Marke – ebenso wie die Legenden, in der Zeichnung verstecke sich eine menschliche Figur. Die Packung ist damit seit über hundert Jahren im Kern unverändert; ihre Geschichte ist Teil der allgemeinen Geschichte der Zigarette.
Sorten im Lexikon
- Camel YellowDie kräftigere gelbe Stammsorte von Camel mit Filter, in Deutschland seit 1968 und bis 2019 unter dem Namen Camel Filters verkauft.
- Camel BlueDie mildere blaue Filtervariante von Camel, Nachfolgerin der früheren „Lights“, die seit dem EU-Verbot solcher Bezeichnungen 2003 einen Farbnamen trägt.
- Camel ohne FilterDie filterlose Camel im Softpack, direkte Nachfahrin des Originals von 1913 und heute eine Nischensorte im deutschen Sortiment.
Quellen
- Wikipedia (de): Camel (Zigarettenmarke) – https://de.wikipedia.org/wiki/Camel_(Zigarettenmarke)
- Wikipedia (en): Camel (cigarette) – https://en.wikipedia.org/wiki/Camel_(cigarette)
- Wikipedia (de): JT International Germany – https://de.wikipedia.org/wiki/JT_International_Germany
- Wikipedia (de): Camel-Kamel (Werbefigur) – https://de.wikipedia.org/wiki/Camel-Kamel
- R.J. Reynolds: History of Camel / Camel Styles (The Tobacconist's Handbook, UCSF-Industriedokumente, via Stanford) – https://tobacco-img.stanford.edu/wp-content/uploads/2020/03/06212508/camel_history2.pdf
- JTI: Where we operate – Germany (Unternehmensangaben) – https://www.jti.com/en/our-company/where-we-operate/germany
- IHK Trier: JTI knackt Marke von 1 Billion Zigaretten (2013) – https://www.ihk-trier.de/p/JTI_knackt_Marke_von_1_Billion_Zigaretten-13-13222.html
- Sprit+: Tabak – Produktneuheiten (6. August 2019, Umbenennung Camel Filters in Camel Yellow) – https://www.sprit-plus.de/nachrichten/tankstelle/tabak-produktneuheiten-3153459
- Deseret News: Cigarette maker RJR sells international tobacco business (9. März 1999) – https://www.deseret.com/1999/3/9/19433454/cigarette-maker-rjr-sells-international-tobacco-business-br-plans-spinoff-of-domestic-tobacco/
- Fischer et al.: Brand logo recognition by children aged 3 to 6 years. Mickey Mouse and Old Joe the Camel (JAMA 1991, PubMed) – https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/1956101/
- Federal Trade Commission: FTC Dismisses Joe Camel Complaint (27. Januar 1999) – https://www.ftc.gov/news-events/news/press-releases/1999/01/federal-trade-commission-dismisses-joe-camel-complaint
- EUR-Lex: Richtlinie 2001/37/EG (Verbot von Bezeichnungen wie „light“ und „mild“) – https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/ALL/?uri=CELEX:32001L0037
- Lungeninformationsdienst: Verbot von Menthol in Zigaretten und Rauchtabak – https://www.lungeninformationsdienst.de/aktuelles/news/artikel/verbot-von-menthol-in-zigaretten-und-rauchtabak
- Statista/Kantar: Zigaretten – konsumierte Marken in Deutschland 2024 (Ranking, Werte kostenpflichtig) – https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1351206/umfrage/marken-von-zigaretten-nach-anzahl-der-konsumenten-in-deutschland/
- handelsdaten.de/EHI: Marktanteil der 20 führenden Markenzigaretten in Deutschland 2008/2009 – https://www.handelsdaten.de/konsumgueterindustrie/marktanteil-der-20-fuehrenden-markenzigaretten-deutschland-jahresvergleich
- Die Tabakzeitung: Camel-Drehtabak wechselt das Lager (7. Dezember 2025) – https://www.tabakzeitung.de/markt/zigarette-feinschnitt/camel-drehtabak-wechselt-das-lager/
- Brand-History: Camel-Anzeige „Ich geh' meilenweit für Camel Filter“ (1971) – https://brand-history.com/jt-international-germany-gmbh/camel/camel-ich-geh-meilenweit-fur-camel-filter-camel-gross-im-geschmack-angenehm-mild-im-rauch-wann-gehn-sie-los
- Wikimedia Commons: Camel text logo.png (PD-textlogo) – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Camel_text_logo.png
Hinweis zur Quellenlage: Deutschland-Start: de.wikipedia nennt August 1968 (Vertrieb über Haus Neuerburg), der Artikel zu JT International Germany verknüpft Camel mit der Komplettübernahme 1969 – hier wird 1968 verwendet. Die Umbenennung Filters → Yellow ist über einen Fachpressebericht vom 6. August 2019 belegt, ein exakter Stichtag nicht. Dass die milde Sorte in Deutschland vor 2003 als Camel Lights lief und wann genau sie Blue wurde, ist nicht mit einer datierten Primärquelle belegt; dargestellt ist der Rechtsrahmen (Richtlinie 2001/37/EG, wirksam 30.09.2003). Nikotin-/Teerwerte kursieren nur in Handelslisten (Yellow ca. 0,8 mg/10 mg, Blue ca. 0,5 mg/6 mg, ohne Filter ca. 0,8 mg/10 mg) und wurden deshalb nicht übernommen. Packungsgrößen ändern sich mit den Tabaksteuerstufen; genannt sind nur die 2019 dokumentierten (20/23/27/35). Marktanteile für Camel in Deutschland liegen ausschließlich hinter Paywalls (Statista/Kantar, EHI); die Nennung unter den Top 20 bezieht sich auf 2008/2009. Camel Trophy: de.wikipedia nennt 1999 als Ende, en.wikipedia und Veranstaltungschroniken 2000 (letzte Ausgabe Samoa, Juli 2000) – hier 2000. Der US-Jahresrekord 1952 (105 Mrd. Stück), die Verkaufszahl 1914 und die Einführung der Filtervariante 1966 stammen aus einem RJR-Händlerhandbuch (UCSF-Archiv), nicht aus unabhängiger Statistik. Mangini-Klage: Quellen nennen 1991 bzw. 1992. Die Angabe, dass Camel ohne Filter in Deutschland ausschließlich als 20er-Softpack läuft, beruht auf aktuellen Sortimentslisten, nicht auf einer Herstellerpublikation. Camel Essential: Einstellung der Zigarette nur über Handelsangaben belegt; die Übertragung des Drehtabaks auf American Spirit (November 2025) über die Tabakzeitung.